
Die frühen 70er brachten viele Exploitation- und Horrorfilme hervor, die mit ihren reißerischen Titeln oft mehr versprachen, als sie letztlich hielten. Ein Paradebeispiel ist der spanische Schocker „Cannibal Man“ (1972, Originaltitel: La Semana del Asesino), inszeniert von Eloy de la Iglesia. Trotz des Titels geht es hier weniger um Kannibalismus, sondern vielmehr um ein düsteres Psychodrama über einen einfachen Mann, der nach einem Mord in eine Spirale aus Gewalt und Verzweiflung gerät.
Handlung – Vom kleinen Fehler zur Mordserie
Marco (Vicente Parra) ist ein einfacher Arbeiter in einem Schlachthof. Er lebt ein bescheidenes Leben und träumt von einem besseren Alltag mit seiner Freundin Paula (Emma Cohen).

Eines Abends jedoch gerät er in eine Auseinandersetzung mit einem Taxifahrer – und tötet ihn im Affekt. Aus Angst vor der Polizei und den gesellschaftlichen Konsequenzen versucht Marco, den Mord zu vertuschen. Doch bald sieht er sich gezwungen, weitere Menschen aus seinem Umfeld zu töten, um seine Schuld zu verschleiern – darunter sogar Freunde und Familienmitglieder.
Nach und nach verliert Marco nicht nur die Kontrolle über sein Leben, sondern auch den letzten Rest seiner Menschlichkeit. Ein geheimnisvoller Nachbar (Eusebio Poncela) beobachtet ihn – und wird zu einer Schlüsselfigur in Marcos Abwärtsspirale.
Die Hauptdarsteller – Intensives Schauspiel im Exploitation-Gewand
- Vicente Parra als Marco: Parra, in Spanien eigentlich für seine Arbeiten in seriösem Kino bekannt, liefert hier eine erschreckend intensive Darstellung eines Mannes, der langsam zerbricht.
- Emma Cohen als Paula: Bekannt aus zahlreichen spanischen Produktionen, bringt sie Wärme und Unschuld in den Film – als tragische Figur, die Marcos Abstieg hilflos miterlebt.
- Eusebio Poncela als Nachbar Néstor: Später berühmt durch Almodóvar-Filme wie Gesetz der Begierde. Hier spielt er zurückhaltend, geheimnisvoll, fast voyeuristisch – und verleiht dem Film eine zusätzliche psychologische Ebene.
- Charly Bravo in einer Nebenrolle: Damals ein häufiger Nebendarsteller in spanischen Exploitation- und Horrorfilmen.
Kritik – Weniger Splatter, mehr Psychodrama
Wer bei „Cannibal Man“ einen reinen Kannibalen-Schocker erwartet, wird überrascht: Der Film ist eher ein düsteres Sozial- und Psychodrama mit horroresken Spitzen. Regisseur Eloy de la Iglesia nutzt die blutigen Szenen – viele davon im Schlachthof angesiedelt – weniger als Selbstzweck, sondern vielmehr als Spiegel für die Brutalität des Alltags im Spanien unter Franco.

Die Gewaltdarstellung ist für 1972 drastisch und wirkte damals skandalös. Doch die wahre Stärke liegt in der Darstellung von Marcos innerem Zerfall: Der Film zeigt, wie ein einfacher Mann unter Druck zum Mörder wird und wie Schuld, Angst und Verzweiflung ihn immer weiter in den Abgrund treiben.
Die Inszenierung ist roh, teils sperrig, aber atmosphärisch dicht – ein typisch europäischer Genre-Mix aus Exploitation, Gesellschaftskritik und Horror.
Fun Facts zum Film
- Der Originaltitel La Semana del Asesino bedeutet übersetzt „Die Woche des Mörders“ – was den Inhalt weitaus besser trifft als der internationale Exploitation-Titel „Cannibal Man“.
- Wegen seiner drastischen Bilder landete der Film in mehreren Ländern, darunter Großbritannien, auf der berüchtigten „Video-Nasties“-Liste der 80er.
- Vicente Parra, eigentlich ein angesehener Schauspieler, nahm die Rolle an, um seinem Image zu entkommen – und lieferte eine der intensivsten Leistungen seiner Karriere.
- Regisseur Eloy de la Iglesia war bekannt für sozialkritische Stoffe und baute in den Film subtile Kritik am Franco-Regime ein.
- In Deutschland kursierte der Film in den 80ern in geschnittener Form auf VHS, ungekürzte Fassungen waren lange schwer zu bekommen.
Fazit – Düster, roh, unvergessen
„Cannibal Man“ ist weniger ein Splatterfilm als ein psychologisch intensives Kammerspiel über Schuld und Verfall – verpackt im Gewand eines Exploitation-Schockers. Die Verbindung von sozialkritischem Drama und blutigen Mordszenen macht den Film einzigartig.

Für Fans von 70er-Exploitation, düsterem Euro-Horror und gesellschaftskritischem Kino ein absolut sehenswerter Film – wenn man sich auf die Mischung einlässt.
Retro-Bewertung
🔪 Gewaltfaktor: ★★★★☆
🎭 Psychodrama: ★★★★☆
📼 Exploitation-Kult: ★★★★★
👉 Gesamt: 4,5 von 5 Retro-Sternen
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