Es gibt Filme, die sich nicht einfach konsumieren lassen. Filme, die sperrig sind, unbequem, manchmal sogar verstörend – und genau deshalb im Gedächtnis bleiben. Cruising aus dem Jahr 1980 ist genau so ein Werk. Ein Film, der schon bei seiner Veröffentlichung für heftige Kontroversen sorgte und bis heute polarisiert.
Regisseur William Friedkin, der zuvor mit Der Exorzist und French Connection Filmgeschichte geschrieben hatte, liefert hier keinen klassischen Thriller ab. Stattdessen taucht er tief ein in eine düstere Subkultur, irgendwo zwischen Krimi, Milieustudie und psychologischem Abstiegstrip. Und mittendrin: Al Pacino, der sich in eine Rolle begibt, die alles andere als komfortabel ist.
Die Handlung – Ein Undercover-Einsatz, der zu weit geht
New York, Ende der 70er. In der schwulen Leder- und S&M-Szene treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Die Opfer: Männer, die in dunklen Clubs und anonymen Begegnungen ihre Freiheit ausleben – und genau dort zur Zielscheibe werden.

Die Polizei steht vor einem Problem: Der Täter hinterlässt kaum Spuren. Also wird Officer Steve Burns (Al Pacino) undercover eingeschleust. Sein Auftrag: in die Szene eintauchen, Vertrauen gewinnen, Muster erkennen – und den Killer finden.
Was zunächst wie ein klassischer Ermittlerplot wirkt, entwickelt sich schnell zu etwas viel Unangenehmerem. Denn je tiefer Burns in diese Welt eintaucht, desto mehr beginnt sie, ihn zu verändern. Grenzen verschwimmen. Identität wird unscharf. Und irgendwann stellt sich nicht mehr nur die Frage, wer der Täter ist – sondern auch, wer Burns eigentlich selbst geworden ist.
Al Pacino – Zwischen Kontrolle und Kontrollverlust
Al Pacino war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Superstar. Der Pate, Serpico, Hundstage – allesamt Rollen, in denen er intensive, oft moralisch zerrissene Figuren spielte. Doch in Cruising geht er noch einen Schritt weiter.
Sein Steve Burns ist kein klassischer Held. Er ist zurückhaltend, beobachtend, fast passiv. Pacino spielt ihn nicht als dominanten Ermittler, sondern als jemanden, der zunehmend die Kontrolle verliert. Diese subtile Darstellung macht die Figur so faszinierend – und gleichzeitig so verstörend.

Man sieht ihm an, wie sich etwas verändert. Kleine Blicke, Unsicherheiten, Momente der Irritation. Friedkin lässt viel Raum für Interpretation, und Pacino füllt diesen Raum mit einer intensiven, fast unangenehmen Präsenz.
William Friedkin – Realismus statt Komfortzone
William Friedkin war nie ein Regisseur, der es seinem Publikum leicht gemacht hat. Schon in French Connection zeigte er eine rohe, fast dokumentarische Härte – und genau diesen Stil bringt er auch in Cruising ein.
Der Film wirkt stellenweise fast wie ein Blick durch ein Schlüsselloch. Die Kamera beobachtet, hält drauf, urteilt nicht. Friedkin verzichtet bewusst auf klare Antworten oder moralische Einordnung. Stattdessen konfrontiert er das Publikum mit einer Welt, die damals kaum im Kino gezeigt wurde.

Und genau das führte zu massiven Protesten. Teile der LGBTQ+-Community warfen dem Film vor, ein verzerrtes und negatives Bild zu zeichnen. Dreharbeiten wurden gestört, Szenen mussten angepasst werden. Diese Kontroversen sind heute untrennbar mit dem Film verbunden.
Die Welt von Cruising – Dreckig, dunkel, kompromisslos
Das New York in Cruising ist weit entfernt von Hochglanzbildern. Es ist roh, schmutzig und gefährlich. Nachtclubs, dunkle Gassen, anonyme Begegnungen – alles wirkt klaustrophobisch und bedrohlich.
Die Darstellung der Leder- und S&M-Szene ist dabei ungewöhnlich direkt. Friedkin zeigt diese Welt ohne Beschönigung, ohne Filter. Das war 1980 ein Schock für viele Zuschauer – und ist es teilweise heute noch.
Gleichzeitig bleibt vieles bewusst im Unklaren. Der Film erklärt nicht alles. Er zeigt – und überlässt die Interpretation dem Zuschauer.
Die Nebenfiguren – Spiegel einer zerrissenen Welt
Auch abseits von Pacino arbeitet der Film mit Figuren, die eher Andeutungen als klare Charaktere sind.
Die Männer in den Clubs wirken anonym, fast austauschbar
Begegnungen bleiben flüchtig, Beziehungen oberflächlich
Vertrauen existiert kaum – alles ist von Misstrauen geprägt
Diese bewusste Distanz verstärkt das Gefühl der Orientierungslosigkeit. Niemand scheint wirklich greifbar – und genau das macht die Suche nach dem Täter so unheimlich.
Sound und Atmosphäre – Wenn Musik zur Bedrohung wird
Ein oft unterschätzter Aspekt von Cruising ist der Sound. Die Musik in den Clubs ist laut, treibend, fast hypnotisch. Gleichzeitig erzeugt sie eine unterschwellige Bedrohung.

Dialoge gehen teilweise im Lärm unter, Geräusche überlagern sich – ein Stilmittel, das die Verwirrung der Hauptfigur widerspiegelt. Man fühlt sich als Zuschauer ähnlich verloren wie Burns selbst.
Die Kontroverse – Ein Film, der aneckt
Kaum ein Film der frühen 80er wurde so heftig diskutiert wie Cruising. Vorwürfe der Diskriminierung, Proteste am Set, Forderungen nach einem Verbot – all das begleitete den Film schon vor seiner Veröffentlichung.
Rückblickend lässt sich sagen: Cruising ist kein einfacher Film. Er zeigt eine sehr spezifische, extreme Subkultur – und das ohne Einordnung oder Kontext. Das kann problematisch wirken, gerade wenn man den Film isoliert betrachtet.
Gleichzeitig ist er aber auch ein Zeitdokument. Ein Blick in eine Ära, die so im Mainstreamkino kaum existierte.
Das offene Ende – Fragen statt Antworten
Ohne zu viel zu verraten: Cruising endet nicht mit einer klaren Auflösung. Stattdessen bleibt ein Gefühl der Unsicherheit zurück.
Wer ist der Täter? Ist die Gefahr wirklich gebannt? Und vor allem: Was hat der Einsatz mit Steve Burns gemacht?
Diese Offenheit ist kein Zufall. Friedkin wollte keinen klassischen Thriller drehen, sondern ein Erlebnis, das nachwirkt – und genau das gelingt ihm.
Einfluss und heutige Einordnung
Heute wird Cruising oft differenzierter betrachtet als damals. Die Kontroversen sind geblieben, aber der Film wird auch als mutiges, wenn auch problematisches Werk gesehen.
Er steht irgendwo zwischen Genre-Kino und Kunstfilm, zwischen Thriller und Charakterstudie. Kein Film für einen gemütlichen Abend – aber einer, der im Kopf bleibt.
Fazit – Unbequem, intensiv, unvergesslich
Cruising ist kein Film, den man einfach „gut“ oder „schlecht“ nennen kann. Er ist sperrig, herausfordernd und teilweise schwer zu ertragen.
Aber genau das macht ihn so interessant.
Al Pacino liefert eine der ungewöhnlichsten Leistungen seiner Karriere, William Friedkin inszeniert kompromisslos und ohne Rücksicht auf Erwartungen – und das Ergebnis ist ein Film, der sich jeder einfachen Einordnung entzieht.
Ein düsterer Trip in die Abgründe der Großstadt und der menschlichen Psyche. Nichts für jeden – aber für Filmfans ein absolut faszinierendes Stück Kino.
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