2. Juni 2020

RETRO-FILM

Vergessen war gestern, wir sprechen darüber!

Milano Kaliber 9 (1972)

Mario Adorf mit seinem reizvollen Overacting in – Milano Kaliber 9

Milano Kaliber 9 (1972)

Nach einem misslungenen Coup wandert der Ganove Ugo Piazza für einige Jahre in den Knast. Kaum wieder auf freiem Fuß, bekommt er auch schon wieder Stress mit seinem ehemaligen “Arbeitgeber”. Dessen Scherge Rocco bewacht Ugo auf Schritt und Tritt, denn der Boss, genannt “Der Amerikaner”, glaubt, dass Ugo ihn damals um eine ordentliche Summe Geld betrogen hätte. Ugo bittet seinen Freund Chino um Hilfe, doch weder die Gangster noch die Polizei glauben seinen Unschuldsbeteuerungen, so dass die Situation schließlich eskaliert..


Der Schwerverbrecher Ugo kommt aus dem Knast. Ehemalige Komplizen und die Polizei glauben, dass Ugo Geld versteckt hält, welches für einen mächtigen Gangsterboss bestimmt ist.

“Milano Kaliber 9” oder “Caliber 9” ( OT “Milano calibro 9” ) ist ein sehenswerter, italienischer Poliziotteschi von 1972, aus der Blütezeit dieses Exploitation-Subgenres.

Luis Bacalov’s fantastischer und optimal passender Score-Cocktail aus psychedelischen Elektro-Rock-Versatzstücken bildet den Rahmen für eine stringent vorangetriebene, mit wenigen Längen gespickte, schlichte Storyline, deren vorhersehbar-fatalistischer Verlauf aber von der unbedingt leicht aufzubauenden Bindung an die detailliert-realistischen Charaktere und der glaubhaften Milieu-Athmosphäre deutlich aufgewertet wird.

Milano Kaliber 9 (1972)

Gastone Moschin überzeugt dabei als kantiges, wortkarges Raubein mit kleinem, weichen Kern, was ihn als Womanizer fungieren lässt, legt man die masochistischen Maßstäbe dieses Genres und die damit gesellschaftlich und politisch untrennbar verbundene Entstehungszeit zu Grunde.

Dies zeigt sich überdeutlich, denn selbst der weibliche Hauptcast Barbara Bouchet kommt über die hier wörtlich zu nehmende Floskel “schmückendes Beiwerk” kaum hinaus, ganz zu schweigen von der restlichen Frauengilde, die allenthalben optische Reizpunkte setzen darf.

Lionel Stander (Butler Max aus “Hart To Hart”) gibt dem Gangsterboss, trotz geringer Screentime, inszenatorische Tiefe, allein durch seine markante und bekannte Präsenz.

Philippe Leroy macht als temperamentvoller Sidekick Ugo’s eine überaus gute Figur, gerade durch den charakterlichen Kontrast zum omnipräsenten Hauptakteur.

Mario Adorf sei gesondert zu erwähnen, besticht er doch durch reizvolles Overacting der fast schon grotesk spaßigen Sorte, sodass man sich mitunter eher in einer Prügelklamotte á la Spencer/Hill wähnt. Wäre da nicht die, bei allem schmierigen Mafiosi-Schalk, intensiv vorgetragene, schonungslose Härte und Brutalität. Adorf kommt dabei einer Urgewalt gleich, welchen den Zuschauer auch in den laueren Passagen bei der Stange hält.

Milano Kaliber 9 (1972)

Ärgerlich macht die ansonsten überaus passable, deutsche Synchro nur, wenn sie eben nicht zu hören ist, denn gerade die für die politische Einordnung wichtige Dialogreihe zwischen den Genregrößen Frank Wolff und Luigi Pistilli wird ausschließlich im italienischen Original präsentiert, was den Film einer story-relevanten Seite beraubt, besonders in Ermangelung von Untertiteln.

Nichtsdestotrotz gelang Fernando di Leo athmosphärisch-brutales Männerkino der retroesken Sorte, mit kraftvoller Bildsprache in präzise gesetzter, musikalischer Untermalung, welches bei Neigung konventionell zu unterhalten vermag.


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