Kritik: Wer Gewalt sät… (1971)

Kritik: Wer Gewalt sät... (1971)

David ist Mathematiker. Ein kühler Kopf. Aber damit hat er nicht gerechnet: In dem idyllischen Dorf, in dem er Ruhe und Frieden suchte, wird seine Familie zum Opfer von Terror und Hass. Die Bewohner demütigen ihn Tag für Tag. Seine Frau wird vergewaltigt. Als David einen geisteskranken Mörder vor der Lynchjustiz retten will, rottet sich der blutgierige Mob vor seinem Haus zusammen. Die Wut der Verzweiflung treibt den nüchternen Rechner in einen Blutrausch barbarischer Gewalt …


Ein gerade frisch verheiratetes Ehepaar, David (Dustin Hoffmann) und Amy (Susan George), ziehen von Los Angeles in eine Kleinstadt nach Mississippi. Das alte Landhaus der Eltern von Amy strahlt schon zu Beginn eine gewisse düstere Stimmung aus. Überhaupt ist die Atmosphäre wohl mit das bemerkenswerteste an diesem Psychothriller aus den 70ern. Relativ schnell wird klar, wohin der Film will. Amys Ex-Jugendliebe führt eine Hand voll eher unangenehmer Gesellen an, welche David erlaubt bei den Renovierungsarbeiten des Landhauses mit zu helfen. Schon bald gehen die ersten Psychospielchen an. Auch der Rest der Dorfbewohner sind vor allem gegenüber David, einem verkopften Mathematiker, zu Beginn skeptisch und schon bald kommt Hass und Niedertracht dazu. Die Nebenrollen glänzen ebenfalls mit überzeugendem schauspielerischem Können, die der eine oder andere bestimmt kennt. Generell hat man das Gefühl in einem Albtraum gelandet zu sein, aus dem es kein Entkommen gibt. Und die Dramatik steigert sich von Minute zu Minute, es bleibt bis zum Schluss spannend.
Zu der Zeit der Veröffentlichung erregte die verstörende Rape scene (Doppelvergewaltigung) großen Aufruhr beim Publikum und gilt als Schlüsselszene bzw. war ein Tabubruch und ein fetter Skandal. Zudem trieft der Film von einem Frauenbild, das es gewissen Herrschaften leicht machen könnte, die Schuld beim Opfer zu suchen. So könnten böse Stimmen behaupten, sie hat es durch ihre Kleidung herausgefordert, bzw. wollte es schlichtweg so. Das ist der sozialkritische Aspekt. Da Amy sich wehrt und es doch auch geschehen lässt, könnte man vermuten, dass es sich um keine Vergewaltigung handeln könnte. Gerade diesen Eindruck erwecken zu können, macht diese Szene so zu einem skandalträchtigen Element. Auch heute noch schockiert diese Szene und es zeigt dann auch doch eine gewisses veraltetes Frauenbild, das aber dennoch relativ aktuell ist, leider. Wer kennt nicht die dummen Sprüche, ja wer sich so anzieht, fordert es heraus…?
Die Rolle David, die Dustin Hoffmann sehr gut verkörpert, zeigt einen chauvinistischen Intellektuellen, der perfekt in diese Konstellation passt.
Die ungünstige Verkettung der Ereignisse spiegeln das Ausgeliefertsein und das nicht Entkommen Könnens des Einzelnen durch das jeweilige klischeehafte Handeln und somit kaum Raum für eigene Entscheidungen, wider.
Es schwingt von Anfang an eine Stimmung mit, dass das Ende brutal und furchtbar werden wird, egal wie der Einzelne doch noch zur Vernunft kommen könnte. Das Ganze lässt fragen, ob der Mensch seinem Schicksal ausgeliefert ist oder ob man selbst Einfluss auf die Zukunft hat. Stichwort: Freier Wille. Was ja eine große philosophische Frage aus dieser Zeit war. Auch David kann sozusagen nicht aus seiner Haut und beispielsweise in der Jagdszene gibt es Momente, in denen man hin- und her gerissen ist zwischen Entscheidungen, Bedrohung und Fehlern, die man anscheinend wie automatisch begeht. Trotzdem bleibt ein Funken Hoffnung und das Gefühl, der fatale Showdown lässt sich vielleicht doch noch abwenden.
Sehr interessant ist die Nebenrolle des geistig zurück gebliebenen Außenseiters, der sofort unter Generalverdacht steht, als später in der Storyline ein Mädchen tot aufgefunden wird. Das deutet ebenfalls darauf hin, dass Regisseur Peckinpah wohl sozialkritische Fragen, wie eben das Rollenbild der Frau, aber auch von psychisch Kranken, die ja mit Sicherheit Täter sind (?), der Gesellschaft in den Raum stellt.
Zudem ist dieser Retro-Film ein typisches Beispiel dafür, was bei einem Remake alles schief gehen kann, falls sich jemand an den Neueren erinnert. Dieser war im Gegensatz zum Original einfach nur enttäuschend.
Ich kann diesen Streifen nur empfehlen, falls man mal etwas über den Tellerrand gucken will und atmosphärische Psychothriller mag.

Fünf Daumen nach oben.