
Dschungeltrash, Kannibalenkult und europäischer Exploitation-Wahnsinn
Wenn man glaubt, man hätte im wilden Dschungel des italienischen Exploitationkinos schon alles gesehen – falsch gedacht. Denn mit „Mondo Cannibale 3: Die blonde Göttin der Kannibalen“ (Originaltitel: White Cannibal Queen) von Jesús Franco erreicht der Kannibalenhype der späten 70er und frühen 80er Jahre eine ganz eigene Stufe des absurden Irrsinns. Franco, der sonst eher für sleazige Erotik- und Horrorfilme bekannt war, serviert hier eine Mischung aus Abenteuerdrama, Kannibalenschocker und einer Prise Inzest-Schockeffekt – ein Cocktail, den man nur im Exploitationkino dieser Ära findet.
Handlung: Dschungel, Blut und eine blonde Göttin
Der Film erzählt die Geschichte von Dr. Jeremy Taylor (gespielt von Al Cliver, dem man schon in „Zombi 2“ begegnete), der mit seiner Familie in den tiefen Urwald reist. Doch die Reise endet im Albtraum: Seine Frau wird von Kannibalen getötet, und seine kleine Tochter verschwindet spurlos. Jahre später kehrt er zurück, getrieben von Schuld und Verlust, nur um herauszufinden, dass seine Tochter noch lebt – allerdings nicht mehr als süßes Kind, sondern als erwachsene Frau, die von einem Kannibalenstamm zur „blonden Göttin“ erhoben wurde.
Die Wiederbegegnung zwischen Vater und Tochter verläuft alles andere als rührselig: Franco mixt Pathos, Blut und Tabubrüche so dreist, dass man zwischen Kopfschütteln, Lachen und Ekel schwankt.
Produktion: Franco im Dschungelmodus
Jesús Franco war nie der Regisseur für Hochglanzproduktionen. Sein Markenzeichen: schnell heruntergekurbelt, viel improvisiert, eine Kamera, die selten stillsteht, und Darsteller, die zwischen ernsthaftem Einsatz und völliger Orientierungslosigkeit pendeln.

Gedreht wurde – typisch für die Ära – größtenteils im Dschungel von Südostasien, mit Archivaufnahmen und billigen Studiokulissen gemischt. Franco nutzte jede Gelegenheit, sein Material auf Spielfilmlänge zu strecken: lange Dschungelgänge, endlose Stämme, die durch den Wald tapsen, und natürlich ritualisierte Kannibalenfeste, die mehr mit touristischem Folklore-Kino zu tun haben als mit echtem Schockhorror.
Fun Facts zum Film
- Al Cliver hatte bereits Erfahrung mit Kannibalenfilmen: 1980 spielte er auch in „Mondo Cannibale“ (Cannibals), ebenfalls von Franco – was für eine herrliche Titelverwirrung sorgt.
- Der Film wurde in vielen Ländern stark gekürzt oder gleich ganz indiziert – in Deutschland lief er natürlich unter einem reißerischen Titel, der mehr versprach, als er halten konnte.
- Die „Kannibalen“ sind – wie so oft – eher schlecht geschminkte Statisten, die mit Farbe eingerieben wurden. Wer genau hinschaut, entdeckt europäische Gesichter unter den Masken.
- Franco hatte ein Faible dafür, seine Partnerinnen in den Filmen auftreten zu lassen. In diesem Streifen darf Lina Romay, seine Muse und Ehefrau, auch mitspielen – wenn auch in einer kleineren Rolle.
- Das Budget war so klein, dass für einige Szenen Archivmaterial aus früheren Filmen Francos herhalten musste.
Der Kannibalenboom und Francos Beitrag
Während Ruggero Deodato mit „Cannibal Holocaust“ den berüchtigsten und zugleich handwerklich stärksten Beitrag zum Genre lieferte, schwamm Franco eher auf der Trash-Welle. Ihm ging es weniger um gesellschaftliche Kommentare, sondern mehr um pure Exploitation: nackte Haut, Tabubrüche und Schockeffekte, die im billigen VHS-Regal glänzen sollten.
„Mondo Cannibale 3“ ist also kein ernstzunehmender Schocker, sondern eher ein Paradebeispiel für den sleazigen Kannibalen-Trash der Ära – ein Film, der damals vielleicht für Empörung sorgte, heute aber vor allem wegen seiner absurden Mischung aus billiger Inszenierung und schräger Story als Kult gilt.
Fazit: Trash-Kult oder schmerzhafter Dschungeltrip?
„Mondo Cannibale 3: Die blonde Göttin der Kannibalen“ ist nichts für schwache Nerven – und auch nichts für Zuschauer, die so etwas wie Spannung, Atmosphäre oder glaubwürdiges Schauspiel erwarten. Aber für Trash-Fans, die den wilden VHS-Wahnsinn der 80er lieben, ist der Film ein gefundenes Fressen. Zwischen schreienden Komparsen, unmotivierten Dschungelritten und einer „blonden Göttin“, die alles andere als göttlich wirkt, entfaltet sich ein urkomisches Stück Exploitationkino, das heute fast schon nostalgisch wirkt.

Wer also mit einem kalten Bier und einer dicken Portion Ironie auf dem Sofa sitzt, wird hier einen Abend erleben, der irgendwo zwischen Fremdscham, Trashkult und purem WTF-Kino liegt.
Retro-Bewertung
🎬 Trash-Faktor: ★★★★☆
🌴 Dschungel-Feeling: ★★★☆☆
🍖 Kannibalen-Gore: ★★☆☆☆
😂 Unterhaltungswert (heute!): ★★★★☆
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